Auf Widerruf gestundete Zeit
Die Feste Allerheiligen und Allerseelen, der Volkstrauertag und der Totensonntag sind in diesem Monat zu begehen.
Auch durch das Sterben in der Natur werden wir in diesem Monat immer wieder aufgerufen, unser eigenes Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen. In jungen Jahren erscheint uns das Leben wie das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Später werden wir uns mehr und mehr eines anderen bewusst: Unser Leben ist, wie Ingeborg Bachmann einmal gesagt hat, „auf Widerruf gestundete Zeit“.
Mit Ihnen bin ich dankbar, wenn es gelingt, den Tod hinauszuschieben. Und wie viele von Ihnen läge auch ich schon längst unter statt auf der Grasnarbe, wenn es die Medizin nicht gäbe. Aber alle Frischzellentherapien, alle pharmazeutischen Wunderpräparate, alle Anti-agingprodukte und Organbanken schaffen uns das Sterben nicht vom Halse. Der Tod ist todsicher! Jeder Versuch, dem Tod entgegenzugehen, entpuppt sich letztlich nur als eine Variante, dem Tod entgegenzugehen. Wenn all den ideologischen Klugschwätzern einer Idealgesellschaft und all den Konsumpropheten der Werbebranche bei jedem unwiderruflichen Zuklappen
eines Sargdeckels das Wort im Halse steckenbliebe, welch nachdenkliche Stille könnte sich breitmachen! Als Glaubende können wir dem Gedanken an Tod und hoffentlich dem Tod selber standhalten.
In einem kleinen Gedichtband von 1941, zusammengestellt also inmitten des Krieges, stieß ich auf ein Gedicht von Rudolf Alexander Schröder (1878-1962) mit der Überschrift:
„Zum Totensonntag:
Alles Leben führt zum Tod, kannst es leicht betrachten:
Morgenrot bringt Abendrot, und was tagt, muss nachten.
Alles Leben führt zum Tod. Hab Geduld: Es endet.
Also grimm ist keine Not, die der Tod nicht wendet.
Lass die Toten denn im Tod Grab an Grab verwesen,
Du, ob Tod und Todes Not, weil du´s weißt, erlesen.
Weißt, an dir ist keiner Not für der Macht gegeben:
All dein Leben führt zum Tod, all dein Tod zum Leben.“
Angesichts der frisch ausgehobenen und angesichts der längst vergessen Gräber, angesichts der Krebs- und Ebolatoten heute und der Pest- und Choleratoten damals, angesichts der Verhungernden heute und der Vergasten damals hat christliche Hoffnung die Tarnmanöver und Täuschungszeremonien, mit denen das Bewusstsein von Sterben und Tod medial hinwegvergnügt oder merkantil hinwegkonsumiert werden soll, zu entlarven. Sie allein kann, so scheint mir, das wuchernde Gestrüpp der Verzweiflung ausreißen und den Keimling der Hoffnung einpflanzen auf dem Acker unseres Lebens.
„All dein Leben führt zum Tod, / All dein Tod zum Leben.“
Unsere „auf Widerruf gestundete Zeit“ mündet, so hoffen wir, in eben nicht mehr gestundete, sondern unwiderruflich geschenkte Ewigkeit.
Ihr Pater Helmut Haagen OMI